Die Hände meines Vaters
Sie sind kräftig und warm, was sie halten, das halten sie: den
schweren Vorschlaghammer, das Zaumzeug, die Zange mit dem
glühenden Hufeisen in der Esse, aber auch die zarte
Christbaumkugel, die noch den passenden Zweig finden will, die
kleine Schachfigur und meine Hand beim Spaziergang.
Hätte es den Begriff des Pferdeflüsterers Ende der sechziger Jahre
schon gegeben, er wäre wohl so genannt worden. Max, der
hinterhältige Beißer oder Cora, die nervöse Hoffnung des
Reitvereins - an seiner Hand stehen sie ruhig, bis mein Vater
ihre Hufeisen angepasst hat. Für jedes Pferd findet er den
passenden Griff, und am Ende gibt es eine Möhre oder ein Stück
Zucker und ein freundliches Tätscheln am Hals.
Oft stehe ich in einer Ecke der Schmiede und bewundere seine
Kraft. Meine Kinderhände können den Hammer kaum vom Boden
abheben, den er in großem Schwung hoch über den Kopf zieht und
in unbeirrbarem Rhythmus auf das glühende Eisen auf dem Amboss
fallen lässt.
Am Abend sitzt er in der Küche und dieselben Hände zaubern
vertraute Melodien aus den schwarzen und weißen Tasten und
Knöpfen seines Akkordeons, manchmal singt er dazu. Oft bleibt
er still.
Wenn ich krank bin und im Bett bleiben muss, kommt er abends
zu mir zum Gute-Nacht sagen. Dann malen seine Hände Buchstaben
auf meinen Rücken und ich muss sie erraten. Er freut sich,
wenn es mir gelingt.
Seine Hände kennen keinen Schmuck: den Ehering trägt er nie,
vierzig Jahre lang liegt er in der Schublade seines
Nachttischs, neben der Uhr. Auch in Handschuhen habe ich ihn
nie gesehen, seine Hände sind immer warm.
Später nicht mehr, später werden seine Hände blass und kalt,
die Finger erscheinen länger. Sie sind es nicht, nur dünner,
ausgezehrt. 
Er mag diese schwachen, kalten Hände nicht, flucht
über ihre Kraftlosigkeit: „Wozu ist man auf der Welt, wenn man
nicht mal mehr einen Hammer hoch heben kann?“
Viele Antworten darauf fallen mir ein, die nicht seine sind.

Je größer der Tumor wird, desto kleiner scheinen seine Hände.
Eisig kalt und schneeweiß sind sie, umwunden von einem
Rosenkranz, als er aufgebahrt in der Friedhofskapelle liegt.
Die hölzernen Perlen bilden einen scharfen Kontrast zu der
fahlen Haut.